Waldo ist gierig. Notgeil. Direkt. Naiv. Weise. Impulsiv. Einsam. Wütend. Stark. Verletzt. Clever. Sie will so unendlich viel, und das, was sie am meisten will, ist: Mr. Korgy, ihren Lehrer für kreatives Schreiben, mit Frau und Kind, mit der Hypothek und den Rechnungen, mit den toten Träumen, der verblassten Attraktivität und dem immer größer werdenden Bäuchlein. Sie weiß nicht, warum sie ihn will. Ist es seine Leidenschaft? Seine Lebenserfahrung? Die Tatsache, dass er Bücher und Filme und Dinge kennt, die sie nicht kennt? Oder ist es etwas noch Reineres, etwas, das in ihrer unwahrscheinlichen Verbindung liegt, in ihrer Seelenverwandtschaft, in dem ähnlichen Filter, durch den sie beide die Welt um sich herum betrachten? Oder vielleicht reicht schon die Tatsache, dass er sie sieht? Wo es doch sonst niemand tut?
Ein witziger, trauriger und fesselnder Roman über Sex, Konsum, Klassenunterschiede, Begehren, Einsamkeit, das Internet, Wut, Intimität, Macht und die (oft völlig fehlgeleiteten) Kraftakte, die wir auf uns nehmen, um das zu bekommen, was wir wollen.
Gewollt unkomfortabel
Ich meine noch niemals ein Buch gelesen oder gehört zu haben, welches mich mich so schnell unwohl hat fühlen lassen. Waldos Leben ist im vielerlei Hinsicht wie das andere Teenager*innen und zugleich merken wir schnell, dass sie gewisse umgesunde Bewältigungsstrategien hat–von Kaufrauschen und unbedeutendem Sex, was auch immer ihr einem Kick verleiht. Ihre neueste Faszination ist ihr Lehrer im kreativen Schreiben. Von da an wurde es wirklich umangenehm, doch wir können uns trotz unserer natürlichen Abscheu vor diesem Szenario auf Waldos Perspektive einlassen. Sobald ich erkannt hatte, dass ihr Charakter bewusst gezeichnet wird, um zu wachsen und die sich anbahnende Beziehung zwischen einem Lehrer und seiner Schülerin nicht romantisiert wird, war ich wahnsinnig gespannt, wohin uns dieser Debütroman von Jennette McCurdy führen wird.
Die zweite Hälfte verschlungen
Sobald ich Waldos unbewussten, doch sehnlichsten Wunsch, gesehen zu werden, durchblickt hatte, wollte ich unbedingt erfahren, wie ihre Erfahrung sich weiter ausspielen würde. Ihre sehr schroffen und teils extrem ungesunden Gedanken- und Verhaltensmuster waren faszinierend und ernüchernd zugleich. Dass diese in ihrer Beziehung zu ihrer Mutter und ihrem abwesenden Vater verankert wurden, machte ihren Charakter noch dreidimensionaler und mitreißender. Wir begleiten sie in den Höhen und Tiefen ihrer Selbstfindung bis zu einer Art Emanzipierung, die mich ungemein Stolz gemacht hat. Diese Entwicklungen werden ohne viel Zurückhaltung in der Wortwahl und Detailreiche geschildert, von sehr expliziten Fantasien zu Sexszenen und Beleidigungen sowie Ausdrücken des Selbsthasses. Wer dieses Buch in Angriff nimmt, sollte sich dessen also bewusst sein.
Fazit
Jennette McCurdys Debütroman ist roh und unkomfortabel und damit vermutlich genau das, was sie sich vorgenommen hat. Ihre Geschichte über eine emotional vernachlässigte Schülerin, die ihren Gefühlen in Kaufrauschen und der Verführung ihres Lehrers Ausdruck verleiht, hat mich trotz der Unbequemlichkeit der Themen ungemein gefangen genommen, fasziniert und schlussendlich stolz gemacht. Die schockierenden Verhaltensmuster und die schlussendliche Emanzipation von ihnen sowie ungesunden Einflüssen wurde emotional vertont von Paula Hans.

Die Autorin:
Jennette McCurdy ist die Autorin von »I’m Glad My Mom Died«, einem Nr. 1-Bestseller der New York Times, der sich über 90 Wochen auf der Liste hielt. Das Buch wurde in mehr als dreißig Ländern veröffentlicht und über vier Millionen Mal verkauft. McCurdy ist auch Schöpferin, Drehbuchautorin, leitende Produzentin und Showrunnerin einer Apple TV+-Serie, die lose auf dem Buch basiert, mit Jennifer Aniston in der Hauptrolle. »Half His Age« ist ihr Debütroman. Q
Die Sprecherin:
Paula Hans liebt Indien, selbstgemachte Limonade und ganz besonders liebt sie es zu Sprechen: auf großen Bühnen, vor der Kamera und natürlich am Mikrofon. Bereits mit 12 Jahren beginnt Paula Hauptrollen in Filmen und Serien zu synchronisieren und für den Rundfunk zu arbeiten. Als sie ihre Schauspielausbildung in Leipzig abschließt und an namenhafte Bühnen weiterzieht, wachsen auch ihre Rollen vor dem Sprechermikrofon. Neben der Filmsynchronisation schenkt sie verschiedenen Gaming-Charakteren ihre Stimme, beim Rundfunk (u.A. HR, SWR, MDR) spricht sie zahlreiche Features und Hörspiele ein. Ganz besonders aber, wird die Werbebranche auf sie aufmerksam. Q
