[Rezension] Blau Weiß Rot: Frankreich erzählt von Olga Mannheimer (Hrsg.)

Vive la France – aber: wie lebt es sich denn eigentlich heute in Frankreich? Was hoffen die Franzosen, was fürchten sie, was sehnen sie herbei, was lieben sie?

Eine literarische Anthologie, die einen Einblick gibt in die Seele Frankreichs, in das Leben heute – unterhaltsam, fundiert und vielseitig. Mit Erzählungen, Gedichten, Karikaturen, Chansons, Comics, mit mehrheitlich ganz aktuellen Texten, denen aber auch klassische gegenüberstehen – um Tradition und Veränderung des esprit français erlebbar zu machen. Ein Blick auf unseren großen Nachbarn in Blau, Weiß, Rot – und vielen anderen, überraschenden Farben.

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Meine Meinung

Dieses Buch musste wirklich eine ganz schön lange Zeit auf meinem SuB versauern, bevor ich es in die Hand genommen und endlich gelesen habe. Und auch dieser Prozess hat eine Weile in Anspruch genommen, denn der Einstieg fiel mir sehr schwer. Die Kurzgeschichten, Artikel etc. setzten trotz Vorwort sehr unvermittelt ein und bevor ich mich wirklich in den Schreibstil der einzelnen Autoren und das Geschehen oder das Thema in ihren Texten gewöhnen und einlassen konnte, waren sie zumeist schon wieder vorbei. Deswegen brauchte ich für die ersten 52 Seiten mehr als eine Woche, konnte mich nur Stück für Stück an diese Anthologie heranführen. Der auf Seite 52 beginnende Text von […] konnte mich dann überraschenderweise jedoch von sich überzeugen. Ab der ersten Seite war ich drinnen und konnte ihn deswegen in seiner vollen Ausführung genießen, auch wenn das bei dem bedrückenden Thema der Ausgrenzung und der Wahrnehmung des Protagonisten von Diskriminierung wohl kaum das geeignete Wort ist.

Die Seele Frankreichs sind immer die Fremden gewesen. Sie haben ihm seine Größe ins Gedächtnis gerufen, denn um dieser Größe willen lieben sie das Land.
– S.245

Ab dieser Geschichte ging es dann etwas besser voran, einige Texte konnten mich wirklich von sich begeistern, bei anderen jedoch hatte ich eher das Gefühl, dass sie trotz ihrer Kürze kein Ende nehmen wollen. Die Schreibstile variierten stark, sodass es einen schnellen Wechsel zwischen philosophischen Ansätzen und dahingegen geradezu lockeren Unterhaltungen gibt. Nach einer Weile geling es mir dann zumindest, während des Lesens einen roten Faden, der sich durch die einzelnen Geschichten etc. zieht, zu entdecken, was mir das Fortschreiten im Buch erleichterte. Da mir das leider am Anfang gefehlt hat, ebenso noch immer bei einigen einzelnen, ausgewählten Texten, konnte ich leider nicht alle gegebenen Auszüge mit derselben Intensität genießen und aufnehmen. An der einen oder anderen Stelle wäre daher vielleicht kurze Vorreden der Herausgeberin nicht fehl am Platz gewesen, um den Übergang von einem Text zum nächsten zu erleichtern. Wer sich also für dieses Buch entscheidet, das durchaus interessante und oftmals sehr kritische Einblicke in den Charakter Frankreichs, sowie in den der Franzosen ermöglicht und vermittelt, sollte sich mit viel Geduld und Aufmerksamkeit wappnen. Ich hätte mir, des Weiteren, den ein oder anderen lustigen, aufheiternden Beitrag zwischendurch gewünscht, denn von Zeit zu Zeit führten die sehr kritischen Äußerungen und Ansichten der Autoren und ihrer Protagonisten dazu, dass mir die Menschen, welche doch im Allgemeinen betrachtet wohl nicht mehr rassistisch oder feindselig sind als andere Nationen, recht unsympathisch rüber kommen. Wenn das der Sinn des Buches ist, dann Glückwunsch, anderenfalls wäre die ein oder andere Auflockerung nicht fehl am Platz gewesen.

 

Fazit

Eine Anthologie, die viele verschiedene Quellen und Autoren heranzieht, um ein weitläufiges Bild von Frankreich und dessen Einwohnern zu vermitteln, das sich meiner Meinung und entgegen meiner Hoffnung jedoch sehr negativ erstreckt. Der ein oder andere Beitrag zum Auflockern der bedrückenden, sehr kritischen Äußerungen der Autoren, wäre gewiss gut gewesen, denn ich glaube, das hätte dem Gesamtbild keinen großen Abbruch getan.

 

 

Olga Mannheimer

1959 in Warschau geboren, Tochter eines Lemberger Juden und einer Kosakin, beide Gulag-Überlebende. 1969 Emigration nach Frankreich und jüdisches Internat. Seit 1972 in München, studierte Romanistik und Slawistik. Arbeitete als Dolmetscherin, Übersetzterin und Lektorin. Heute tätig als Journalistin und interkulturelle Trainerin. Veröffentlichte u.a. die Anthologie ›Träume sind frei‹ (1992) und ›Frauen in Polen‹ (1994). Q

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