[Rezension] Find me: Finde mich von André Aciman

Die Geschichte von ›Call me by your name‹ geht weiter

Samuel ist auf dem Weg nach Rom, um seinen Sohn Elio zu besuchen, der dort als Pianist lebt. Seit der Trennung von seiner großen Jugendliebe Oliver ist Elio keine längere und ernsthafte Beziehung eingegangen. Oliver hingegen hat in New York geheiratet, ein bürgerliches Leben als Collegeprofessor begonnen, eine Familie gegründet. Doch insgeheim wartet er auf die Begegnung mit einem Menschen, die ihn so erschüttert und bewegt wie einst die mit Elio. Und Samuel begegnet auf seiner Reise einem Menschen, der ihm nach dem Ende seiner Ehe zeigt, was es bedeutet zu lieben.

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Meine Meinung

Vor nun mehr drei Jahren haben sich mein Leben und meine Vorstellungen von junger Liebe grundlegend verändert, als ich „Call me by your name“ gelesen habe. In diesem Buch erlebt Elio zum ersten Mal, was es heißt, einem Menschen alles von sich geben zu wollen und unmittelbar danach, wenn nicht sogar im selben Moment, unendlichen Schmerz zu empfinden. André Aciman hat es vermocht, mit diesem Roman meine Vorstellungen davon zu sprengen, wie viele Emotionen man durch Worte vermitteln kann. Die Geschichte von Elio, besonders aber deren Ende, hat mich unfassbar zu Tränen gerührt und seitdem im Herzen begleitet. Umso erfreuter und gespannter war ich, als ich von der Forstsetzung erfuhr, die nun auch auf Deutsch erschienen ist. Im Gegensatz zu dem, was viele Leser sich aber vorgestellt haben, als sie von einer Fortsetzung hörten, begleiten wir den ersten, sehr großen Teil des Buches nicht Elio, sondern dessen Vater auf seiner eigenen Reise in eine Zukunft, die ihm bis dato unmöglich schien. Wir reisen mit ihm nach Rom und werden dort auch endlich Elio wiedersehen, aber zuerst erleben wir noch mehr von Samuel und von der ersten Seite an erneut unglaublich schöne, tiefgründige und berührende Dialoge. Bereits in diesem ersten Kapitel werden unglaublich viele Erinnerungen an den ersten Band geweckt, so viele Emotionen kommen wieder auf und können Fans wie mich mitreißen, auch wenn es für viele möglicherweise nur wie Spannungsmache bzw. das Herauszögern der eigentlichen Geschichte erscheinen mag. Ich hingegen habe mich unmittelbar wieder in die Kunst in André Acimans Worten verliebt und das Spiel, das er uns bietet, über alle Maßen genossen. Er offenbart uns in seinen Geschichten vielerlei Weisheiten und Erkenntnisse über unser eigenes Leben und das, was wir von anderen erwarten oder in ihnen sehen – verpackt in ergreifenden Unterhaltungen und Geschehnisse schnell liebgewonnener Charaktere. Wann immer ich etwas von diesem Autor lese, habe ich danach das Gefühl, einen wundervollen neuen Blickwinkel auf mein eigenes Leben und die Gefühle erhalten zu haben, die es beeinflussen. Seine Geschichten sind mehr als Fiktion, sie sind auf vielerlei Ebenen realistischer und greifbarer als das, was wir Leser als unseren Alltag begreifen, denn sie treffen ziemlich genau den Punkt, was uns selbst nicht immer möglich ist.

Ohne zu viel vom Inhalt oder von den Geschehnissen rund um Elio erzählen zu wollen, auf die wohl alle brennen, die das Buch beginnen, kann ich euch versprechen, dass dieses Buch euch trotz hoher Erwartungen nicht enttäuschen wird. Man könnte wohl anmerken, dass sich André viel mit dem Rundherum und weniger mit dem direkten Kontakt zwischen Elio und Oliver beschäftigt, aber gerade das hat mich ebenso sehr berühren können wie das schlussendliche Wiedersehen. Denn wie wir bereits aus dem ersten Band wissen, haben die beiden viel Zeit von einander getrennt verbracht, eigene Leben gelebt, eigene Erfahrungen gesammelt, andere Menschen geliebt oder eben auch nicht. Und André lässt uns vieles über ihre Jahre in Abwesenheit des jeweils anderen und von den Gefühlen und Erinnerungen, die sie in dieser Zeit erlebt haben, lesen und fühlen. Besonders grandios und überzeugend fand ich persönlich es, endlich auch einen direkten Blick in Olivers Kopf zu erhalten, der nun endlich auch als Erzähler auftritt. Wir erhalten also nicht nur Elios Gedanken und Perspektive, sondern auch vielerlei Geschichten aus der Sicht von Samuel und Oliver, die aber nicht unabhängig von der Liebesgeschichte zwischen unseren Lieblingen stehen, sondern diese wundervoll ergänzen. Wir begleiten drei fantastische Charaktere durch ihr Leben, wenn wir auch tatsächlich nur wenige Tage, maximal wenige Wochen an ihrer Seite verbringen und diese zudem über verschiedene Jahre und Orte, sowie Begebenheiten verteilt sind. Wie immer schenkt uns der Autor nur eine Collage aus Erlebnissen, aus dem, was er für erwähnens- und lesenswert hält, aber zugleich vermag er es mit diesen kurzen Ausschnitten, besonders aber mit seinen Worten und grandiosen Metaphern unglaubliche viele Emotionen in seinen Lesern zu wecken.

 

Mein Fazit

Neue Zeiten, neue Städte, neue Liebe und neue Perspektiven, doch noch immer so emotional und mitreißend wie der erste Band, auch wenn er in gewisser Weise wohl nie an diesen heranreichen wird. Dennoch kann ich diese Fortsetzung nur jedem ans Herz legen, den das Ende von „Call me by your name“ ebenfalls für viele Jahre – zumindest hin und wieder – um den Schlaf oder zum emotionalen Vor-sich-hin-Starren gebracht hat. Ein würdiger und gefühlvoll geschriebener Abschluss für Elio und Oliver!

 

André Aciman

studierte Komparatistik in Harvard. Er ist Romancier, Essayist und Dozent für Vergleichende Literaturwissenschaft, zudem schreibt er für verschiedene New Yorker Zeitungen. Sein Roman ›Call Me By Your Name‹ war ein internationaler Bestseller und wurde in einer OSCAR-prämierten Verfilmung adaptiert. Q (Werbung)

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