[Kurzrezension] Der Besuch der alten Dame von Friedrich Dürrenmatt

Claire Zachanassian kehrt als steinreiche Frau in ihr Heimatdorf Güllen zurück, wo ihr einst das Herz gebrochen und die Ehre geraubt wurde. Nun will sie sich rächen und bietet der Güllener Bevölkerung eine Milliarde dafür, dass ihr damaliger Liebhaber Ill für sein Vergehen mit dem Tod bestraft wird. Ein Angebot, das die Bürger entrüstet zurückweisen. Zunächst.

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Was ich zu sagen habe…

Das von diesem Theaterstück adaptierte Musical wurde nun schon mehrere Male verschoben. In Tecklenburg soll es in diesem Sommer nun endlich aufgeführt werden. Als ich das Buch unverhofft in unserer Urlaubsunterkunft in der Hand hielt, wollte ich mir die viele zu lange Wartezeit damit verkürzen. Die Prämisse war mir bereits bekannt, der Ausgang dieses sozialen Experiments jedoch nicht. In drei Akten erzählt dieses Stück von dem zwiespältigen Zusammenhalt einer Gemeinde. Die tragenden Charaktere sind dabei facettenreich und mit moralischen Abgründen bestickt. Die Protagonistin mutet durch ihre Selbstbestimmtheit und scheinbare Skrupellosigkeit an, die jedoch in tief sitzenden Rachegelüsten wurzeln. Der „Held“ ist alles andere als ein Vorzeigebürger, wird aber in gewisser Weise von seinen Taten geläutert, als er sich ihnen stellt.

 

ILL Ich lebe in einer Hölle, seit du von mir gegangen bist.
CLAIRE ZACHANASSIAN Und ich bin die Hölle geworden.
– S.38

 

Dieses erste Werk von Dürrenmatt, welches ich je gelesen habe, konnte mich von sich überzeugen. Ich verschlang es schnell und doch mit bleibenden Gedankenkreisen an nur einem Abend. Von der ersten Szene an hinterfragte ich die egoistischen und doch gemeinschaftlichen Motive der Stadtbewohner. Ihre Vorstellung der „alten Dame“ widerspricht bereits unserem baldigen ersten Eindruck von ihr. Dies alles schafft ein interessantes Gefüge, in dem wir uns fragen, wer eher oder später die Oberhand gewinnen wird. Wird Claire oder die Dorfgemeinschaft den größeren Nutzen von ihrer Heimkehr davon tragen?

 

CLAIRE ZACHANASSIAN […] Die Welt machte mich zu einer Hure, nun mache ich sie zu einem Bordell. Wer nicht blechen kann, muß hinhalten, will er mittanzen.
– S.91

 

Die Dialoge in der Gegenwart führen den Zuschauenden und Lesenden die Vergangenheit vor Augen. Jugendsünden und -entscheidungen verfolgen unsere Charaktere bis ins Hier und Jetzt des Stückes. Zudem spielt neben Ehre auch Gier eine bedeutende Rolle für die Figuren, die sich einer unmöglichen, unvorstellbaren und unmoralischen Entscheidung gegenüber stehen. Die Spannung der Geschichte liegt darin, wie das unterbreitete Angebot die Gemeinde, deren Handeln und Denken beeinflusst. Zugleich übt es psychischen Druck auf die Involvierten aus und mutet schlussendlich gar mit Thrillerelementen an, die uns durch Ill nahetreten. Auch ohne eine bildhafte Umsetzung der Szenen konnte man diese aus den Worten des Dichters herauslesen und -fühlen. Des Weiteren für den Autor gewinnen konnten mich zudem seine Randnotizen, die genauso feist und unterhaltsam anmuten wie die Protagonistin des Stücks.

 

Fazit

Ein tragisches Theaterstück mit dem Witz einer eigensinnigen und dadurch hervorstechenden Protagonistin, aber auch einem „Helden“ der unmoralischen Art. Ich kann es nicht erwarten, die Szenen und mir in Erinnerung gebliebenen Dialoge auf der Bühne zu erleben, wo sie mich bereits auf Papier mitgerissen haben.

 

 


Der Autor:

Friedrich Dürrenmatt wurde 1921 in Konolfingen bei Bern als Sohn eines Pfarrers geboren. Er studierte Philosophie in Bern und Zürich und lebte als Dramatiker, Erzähler, Essayist, Zeichner und Maler in Neuchâtel. Bekannt wurde er mit seinen Kriminalromanen und Erzählungen ›Der Richter und sein Henker‹, ›Der Verdacht‹, ›Die Panne‹ und ›Das Versprechen‹, weltberühmt mit den Komödien ›Der Besuch der alten Dame‹ und ›Die Physiker‹. Den Abschluss seines umfassenden Werks schuf er mit den ›Stoffen‹, worin er Autobiographisches mit Essayistischem verband. Friedrich Dürrenmatt starb 1990 in Neuchâtel. Q

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