[Rezension] Das Damengambit von Walter Tevis

Mit acht entdeckt Beth Harmon im Waisenhaus zwei Möglichkeiten, der harten Realität zu entfliehen: die grünen Beruhigungspillen, die den Kindern täglich verabreicht werden. Und Schach. Das Mädchen ist ein Ausnahmetalent und gewinnt Turnier um Turnier, mit 16 spielt sie gegen lauter erwachsene Männer um die US-Meisterschaft. Ihr Weg führt steil nach oben, doch bei jedem Schritt droht der Abgrund von Sucht und Selbstzerstörung. Denn für Beth steht viel mehr auf dem Spiel als Sieg und Niederlage.

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Was ich zu sagen habe…

Nachdem ich die Verfilmung dieses Buches in den letzten Monaten Folge für Folge angesehen und somit die Geschichte von Beth bereits einmal voller Begeisterung und Spannung verfolgt habe, kam ich dennoch nicht darum herum, die Buchvorlage auf Netgalley anzufragen, als ich sie dort entdeckte. Zugegebenermaßen sind beide Adaptionen inhaltlich sehr nah beieinander, jedoch möchte ich diese hier nicht vergleichen, sondern mich auf das Original beschränken, obwohl mein großes Lob definitiv der Serie und deren fantastischem Cast gilt.

Was die Serie jedoch teilweise nicht vermochte, war es, Beths inneres so detailreich widerzuspiegeln wie das Buch, auch wenn wir ihre Geschichte lediglich in der Sie-Perspektive verfolgen. Seit ihrer Kindheit begleiten wir die Protagonistin bis in ihre Jugend und ihr frühes Erwachsensein, doch für Beth sieht dieses anders aus als für viele andere: Man könnte dieses Buch durchaus als Coming-of-Age bezeichnen, doch Liebhaber von Young Adult werden hier eher stutzen und unzufrieden davon gehen. Beth setzt ihren Fokus definitiv anders, doch ihre Faszination und Leidenschaft für das Schachspiel schwappt unvermittelt auf die Leserschaft über.

Beziehungen kommen dennoch nicht zu kurz – Beth hat zwar nicht viel mit Romantik am Hut und ist auf sozialer Ebene nicht die Ausgeklügelste, Freundschaften und Erfahrungen sammelt sie trotz deren ambiguen Charakters allemal. Gerade diese Vielschichtigkeit hat mich durch die Seiten getragen, vielleicht jedoch auch ein wenig das Wissen um weitere Geschehnisse, die mit bereits aus der Verfilmung bekannt waren. Unmittelbar muss ich hier einen Vergleich ziehen, denn mit meiner Kenntnis um einige Entwicklungen in der Serie erschien mir das Buch manchmal etwas flach, als würde es Szenarien starten, diese aber nicht weiterentwickeln. Figuren treten einmal auf und scheinen verheißungsvoll, haben aber im Weiteren anscheinend keine weitere Funktion. Natürlich spiegelt dies möglicherweise die Realität besser wider als meine Erwartungen, doch dadurch wirkt Beths Geschichte trotz wundervoller Abrundung am Ende etwas unausgeglichen.

Das Buch beschreibt Beth einerseits als Original und als etwas Besonderes, nicht nur in Bezug auf ihre Begabung, sondern ebenso auf ihre Umgangsformen (fragt mich nicht nach psychologischen Definitionen, aber vielleicht hat sie eine Art Inselbegabung?), zeigt jedoch zugleich wie einfach auch eine solche fokussierte und ehrgeizige Person, vielleicht auch gerade jene, mit Laster in Berührung kommen und diesen verfallen. Extrem gut hat mir gefallen, dass man in der Handlung keinen speziellen Punkt ausmachen kann, in dem Beth die Kontrolle verliert, auch wenn man die Zeichen liest und Böses ahnt. Realitätsnah rutscht die Protagonistin durch verschiedenste Einflüsse und Entscheidungen weiter ab und muss sich mit der Hilfe anderer, aber durch eigene Entschlüsse wieder aus ihrer Grube graben. Diese bestärkende und motivierende Botschaft des Buches setzt auf verschiedensten Ebenen der Erzählung an und macht es definitiv zu einem empfehlenswerten Leseerlebnis.

 

Fazit: Obwohl mir im Vergleich zur Serie etwas die Tiefe und Raffinesse fehlt, schreibt das Buch eine realitätsnahe, packende und motivierende Geschichte über Leidenschaft für etwas, nicht jemanden und eine besondere junge, zielstrebige Frau in einer männerdominierten Welt.

 

 


Mehr zum Autor:

Walter Tevis (1928-1984) war ein amerikanischer Schriftsteller. Nachdem er als junger Mann im Zweiten Weltkrieg im Pazifik gedient hatte, studierte er Literatur an der University of Kentucky und arbeitete lange Jahre als Lehrer und Universitätsdozent, ehe er freier Schriftsteller wurde. Von seinen Romanen wurden mehrere hochkarätig verfilmt (›Die Haie der Großstadt‹ mit Paul Newman, ›Die Farbe des Geldes‹ mit Tom Cruise, ›Der Mann, der vom Himmel fiel‹ mit David Bowie). Nach dem weltweiten Erfolg der Netflix-Serie ›Das Damengambit‹ mit Anya Taylor-Joy wird sein Werk wiederentdeckt. Q

 

 

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