[Rezension] Sweet Sorrow von David Nicholls *Rezensionsexemplar*

Manches im Leben strahlt so hell, dass es nur aus der Entfernung wirklich gesehen werden kann. Die erste große Liebe ist so eine Sache, die immer noch leuchtet, auch wenn sie längst verglüht ist. Genauso ist es Charlie Lewis ergangen. Nichts an ihm ist besonders. Dann begegnet er Fran Fisher, und seine Welt steht Kopf. In den langen, hellen Nächten eines unvergesslichen Sommers macht Charlie die schönsten, peinlichsten und aufregendsten Erfahrungen seines Lebens. Und steht zwanzig Jahre später vor der Frage, ob er sich traut, seine erste große Liebe wiederzutreffen.

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Was ich zu sagen habe…

Den Klappentext finde ich etwas irreführend, denn er trifft nicht ganz den Kern dieses Buches. Wir folgen Charlie zurück in den wohl bedeutendsten Sommer seines Lebens und finden uns nur wenige Male in der Gegenwart wieder. Er erzählt uns von seinem Schulabschluss, davon, wie verloren er im Anschluss war, und wie er in Fran und einer verrückten Theatergesellschaft neue Begeisterung gefunden hat. Dieser Sommer schreibt nicht nur eine Liebesgeschichte, jedoch steht die erste Liebe im Mittelpunkt. Hinzu kommt eine rührende Familienhandlung und belebende, freundschaftliche Anbahnungen, die das Buch zu viel mehr machen als einer Romanze.

 

Ich sagte ihm, es gehe mir gut, ich sei nur total voll.
„Total was?“
„Total voll.“
„Du hast ‚verloren‘ gesagt. ‚Total verloren‘.“

 

Die Erzählperspektive nimmt schnell gefangen, doch unser Protagonist verwirrt von Zeit zu Zeit durch seine Unzuverlässlichkeit. Ich habe es genossen, wie Charlie teils direkte Rede nutzt, teils aber nur zusammenfassend Gespräche wiedergibt. Dies verleiht dem Ganzen den Anschein, wir würden mit ihm zusammensitzen und ihm unvermittelt beim Erzählen zuhören. Diesem vertrauten Gefühl steht jedoch gegenüber, dass Charlie uns anscheinende Tatsachen nennt, die anschließend widerlegt werden. Bauen sie am Ende des Kapitels Spannung auf, haben sie mich doch schlussendlich ein wenig abgeschreckt. Auch werden sein Erzählungen von zahlreichen, unterhaltsamen, sogar ausgefallenen, aber treffenden Vergleichen gestaltet. Alles in allem habe ich den Schreibstil des Autors ungemein genossen und mich von ihm tragen lassen.

Die Handlung ist motivierend, inspirierend, rührend und romantisch. Fran gibt Charlie ein neues Ziel in seinem Leben, das durch seine herausfordernden familiären Verhältnisse zerrüttet ist. Durch sie findet er mehr Anschluss unter Gleichaltrigen und anhaltende Freundschaften. Er lernt das Gegebene und Bestehende auf seine Sinnhaftigkeit und seinen emotionalen Nutzen zu hinterfragen. So schafft er es schließlich, sich von ungewollten Einflüssen zu lösen. Es ist ihm aber selbst zu verdanken, nicht Fran, dass er sein Leben Stück für Stück und mit Entschlossenheit anzugehen beginnt. Diese Wandlung des Geschehens hat mich von seiner Integrität und seiner Stärke überzeugt, dennoch verlor Charlie nichts an Authentizität und eigenem Willen. Er wurde kein Musterschüler, kein Ausnahmetalent, kein Womanizer, sondern blieb im Kern er selbst und begeistert als vierdimensionaler Protagonist.

 

[…] und damals kam mir der Gedanke, dass die größte Lüge, die die Alten über die Jungen erzählen, ist, dass die Jugend frei von Ängsten, Sorgen und Befürchtungen ist.

 

Die Spannung und das Drama dieses Romans liegt unerwarteterweise nicht in der romantischen Beziehung zwischen Charlie und Fran. Viel mehr gilt es für unseren Protagonisten, sich selbst zu finden und zu leben, seine bestehenden Kontakte zu hinterfragen und umzustülpen. Er harmonisiert mit manchen Charakteren ganz wundervoll, mit anderen scheint er sich immer wieder den Kopf einzuschlagen. Dabei bleibt jedoch der Witz und Schlagfertigkeit nicht auf dem Weg. Die Dialoge zwischen Charlie und den Personen, die ihm am nächsten stehen, waren unterhaltsam und mitreißend, fließend und amüsant. Wir lernen Charlie, aber auch Nebenfiguren in überzeugender Dreidimensionalität kennen und lieben.

 

Fazit

Diese vielschichtige Liebesgeschichte begeistert mit authentischen Charakteren, einem mitreißenden Schreibstil und dem perfekten Sommergefühl. Neuanfänge und das Brechen von Bestehendem, aber auch der Aufbau tragender Bande stehen im Mittelpunkt des Romans und machen ihn somit zur perfekten Lektüre für Jugendliche, aber sicher auch Erwachsene.

 

 


Der Autor:

David Nicholls, Jahrgang 1966, ist ausgebildeter Schauspieler, hat sich dann aber für das Schreiben entschieden. Mit seinem Roman „Zwei an einem Tag“ gelang ihm der Durchbruch, seine Romane wurden in vierzig Sprachen übersetzt und verkauften sich weltweit über acht Millionen mal. 2014 wurde sein Roman „Drei auf Reisen“ für den Man Booker Prize nominiert. Auch als Drehbuchautor ist David Nicholls überaus erfolgreich und mehrfach preisgekrönt, zuletzt erhielt er den BAFTA und eine Emmy-Nominierung für „Patrick Melrose“, seine Adaption der Romane von Edward St Aubyn, die als HBO-Serie Furore machte. Q

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