Was Klatsch über unsere Gesellschaft verrätWir beobachten Stars. Ihre Erfolge. Ihre Abstürze. Ihre Wiederauferstehungen. Wir beneiden und bemitleiden, supporten oder canceln, scrollen durch Kommentarspalten oder blättern durch Klatschmagazine. Dabei vergessen wir oft, dass Stars nicht im luftleeren Raum existieren. Sie sind nicht einfach nur talentiert, sondern werden geschaffen von PR-Strategen, Stylisten, mächtigen Hintermännern – und uns.
Gizem Çelik entschlüsselt das System dahinter. Was steckt hinter den Schlagzeilen? Wer profitiert? Und was sagt das über unsere Gesellschaft aus? Denn Gossip ist viel mehr als nur Unterhaltung. Er ist ein Spiegel unserer Ideale, unserer Ängste, unserer Moral.
Das Liebesdreieck um Justin, Hailey und Selena und warum am Ende immer eine Frau die Verliererin ist. Andrew Tate und toxische Männlichkeit als Geschäftsmodell. Johnny Depp vs. Amber Heard und wie Narrative über Glaubwürdigkeit entscheiden. Jedes dieser Phänomene erzählt eine größere Geschichte.
Denn Popkultur war noch nie so politisch wie heute. Ein viraler TikTok-Clip kann Karrieren zerstören oder Bewegungen lostreten, Influencer sind die neuen Meinungsmacher, und Skandale in der Unterhaltungsindustrie beeinflussen weltweite Debatten über Macht, Shitstorms und Geschlechterrollen. Popkultur ist zur Hauptinformationsquelle einer ganzen Generation geworden – und wer sie ignoriert, versteht nicht, wie Gesellschaft heute funktioniert.
Right Down My Alley
Gizem folge ich bereits seit mehr als einem halben Jahr auf Instagram als More than Gizem und verfolge ihre Beiträge rund um Hollywood und Celebrities, aber auch deutsche Popkultur voller Begeisterung und Interesse. Auf sie aufmerksam geworden bin ich aufgrund ihrer Auseinandersetzung mit den Epstein-Files, geblieben bin ich jedoch für die beinahe alltägliche Auseinandersetzung mit Popkultur, die mir selbst auch am Herzen liegt. Ganz ähnlich Gizem, sehe ich Popkultur als etwas, das viel mehr über unsere Kultur und Gesellschaft aussagt als viele anerkennen wollen. Ich selbst habe mich während meines Studiums viel mit Popkultur auseinander gesetzt und sie vor allem als etwas wahrgenommen, das Menschen einen Zugang zu der Auseinandersetzung mit wichtigen Themen wie Diskriminierung und Doppelmoral gibt.
Und genau so setzt sich Gizem in dreizehn Aufsätzen auch mit dem Thema auseinander und nimmt uns von persönlichen Begegnungen mit den Themen zu einer tiefgründigen Auseinandersetzung mit, die aufzeigt, wie besonders Frauen in unserer Gesellschaft behandelt werden, vor allem wenn sie im Scheinwerferlicht stehen. Ihre Aufsätze reichen jedoch noch weit über den Anspruch von Feminismus heraus, sondern besprechen auch toxische Maskulinität, Diskriminierung aufgrund von Herkunft oder Aussehen, als auch aufgrund von Alter oder politischer Haltung.
13 Aufsätze mit verschiedensten Foki
Die Titel von Gizems Aufsätzen zeigen deutlich auf, was ich damit meine, dass Popkultur einen einfachen Einstieg in die Auseinandersetzung mit schwierigeren Themen und Fragen ermöglicht. Ihre Titel verwenden Madonna, Ariana Grande, Miley Cyrus, Meghan Markle und verleitet auch diejenigen, die sich nicht wirklich auf komplexe Gespräche einlassen möchten, dazu, mehr über ihre Meinung zu diesen Persönlichkeiten erfahren zu wollen. Gizem baut dann sogar eine persönliche Bindung auf, indem sie ihre ganz individuelle Verbindung zu den Popstars aufzeigt, wie diese ihre Jugend oder auch derzeitige Selbstwahrnehmung geprägt haben. Danach steigt sie in teils kontroverse, teils sehr weit verbreitete Ansichten über diese Personen ein, die in den Medien breitgetreten wurden–immer wieder hinterfragend, wer diese Meinung verbreitet und sich somit erlaubt, ein Urteil über diese Menschen zu fällen. Im Speziellen fragt sie sich wiederholt, was es über unsere Gesellschaft aussagt, wer spricht und wer zensiert wird, wer sich frei entfalten und wer dafür kritisiert wird.
Kritisch reflektiert, aber zugleich fokussiert auf spezielle Themen
Popkultur ist in sofern ein unglaublich ergiebiges Thema, dass einzelne Persönlichkeiten verschiedenste Bedeutungen für unterschiedliche Menschen annehmen können. Gizem wählt bestimmte Personen aus, um an ihrer Darstellung und ihrem Zerriss in den Medien spezielle Themen anzubringen und Probleme in unserer Gesellschaftsstruktur aufzuzeigen. Natürlich sind diese Persönlichkeiten zugleich aber aus anderen Blickwinkeln durchaus zu kritisieren oder problematisch zu betrachten. Dass Gizem sich hier auf einen Aspekt der Narrative rund um die gewählten Stars fokussiert, möchte ich ihr nicht vorhalten, lediglich erwähnt haben. Insgesamt glaube ich, dass die Autorin ein unglaublich komplexes Verständnis unserer Gesellschaft und unterliegender (Macht-)Strukturen hat, welches sie in diesem Buch vereinfacht und doch so vielschichtig wie nötig, persönlich als auch allgemeingültig und nachvollziehbar vermittelt.
Fazit
In 13 Aufsätzen nimmt sich Gizem Çelik verschiedene Aspekte unserer Auseinandersetzung mit Popkultur vor und zeigt uns in der Diskussion dieser auf, wie viel unser Umgang mit bekannten Persönlichkeiten über (uns mehr oder minder bewussten) Gesellschaftsstrukturen preisgibt. Ihre Kapitel beginnen meist mit persönlichen Erlebnissen, tauchen ein in die Popkultur der letzten zwanzig Jahre, und verändern unseren Blick auf Medien und besonders die Präsentation von Frauen in diesen. Dabei vermag Gizem es, ihre Leser*innen gekonnt abzuholen und zum kritischen Denken anzuregen.

Die Autorin:
Gizem Çelik hat eine Schwäche für Popkultur und die Stärke, gesellschaftliche Trends in Geschichten zu verwandeln. Nach ihrem Master-Abschluss an der Copenhagen Business School hostet sie mittlerweile Podcasts wie Die Taylor Swift Story (ARD), entwickelt Formate (u.a. für funk), berät Medienhäuser und Plattformen und arbeitet als Speakerin. Als wäre das noch nicht genug, erreicht sie auf ihrem eigenen TikTok-Kanal @morethangossip hunderttausende Follower mit klugen Analysen aus der Welt der Stars und Sternchen. In ihrer Freizeit brüht Gizem gerne ihren eigenen Eistee, geht laufen oder taucht in Fantasyromane ein. Sie wohnt in Berlin. Q
