[Rezensionsexemplar] Andromeda-Dilogie 1: His Monstrous Heart von Lara Große

Mit der Macht seines berüchtigten Seeungeheuers hat der Imperator von Laurentia nahezu die gesamte Götterbucht unterworfen. Nun schickt er seine Bestie in die Heimat von Prinzessin Andromeda, um diese zu zerstören und zur Kapitulation zu zwingen. Als das göttliche Orakel verkündet, dass nur das Opfer der Prinzessin Tessalien retten könnte, zögert sie nicht. Im Morgengrauen wird Andromeda an einen Felsen im Meer gekettet und stellt sich dem Ungeheuer, das aus den Fluten steigt. Nur um nicht den erwarteten Tod zu finden. Stattdessen wird sie entführt. Denn das Monster verfolgt eigene Pläne – und diese beginnen mit ihr. Gefangen im Palast der Bestie, zwischen Pflicht, Verrat und verbotenen Gefühlen steht Andromeda vor der Frage: Was ist sie bereit zu opfern – ihr Herz oder ihr Reich?

Quelle, Hörprobe

 

Ein Retelling des Andromeda-Mythos

Seit Circe, Galatea, Stone Blind und einigen anderen Hervorkommnissen der späten Retelling-Ära habe ich ungemein Lust, die Neuinterpretationen alter Mythen durch moderne Perspektiven zu erleben. Im Fall von Lara Großes „His Monstrous Heart“ bin ich mir jedoch nicht sicher, ob ich das Buch als Retelling klassifizieren würde. Die Geschichte nimmt Inspiration von der Andromeda-Legende in ihren zwei Hauptfiguren, hat aber davon abgesehen nichts mit der mythologischen Vorlage zu tun. Viel mehr sehe ich in dieser Version eine Fanfic mit der Frage: Was wäre, wenn das Seeungeheuer eigentlich ein Mann ist und sich in Andromeda verlieben würde? Auch das Setting wird von unserer eigenen (fiktiven) Geschichte hin zu einem fantastischen Schauplatz verändert und mit neuen Göttern und Göttinnen bestickt. Alles in allem fehlen mir einige elementaren Bausteine ihrer ursprünglichen Geschichte, um diese Geschichte als Retelling zu verstehen. Davon abgesehen hatte ich jedoch eine wundervolle Zeit mit diesem Buch, in welchem Lara Große der mythologischen Prinzessin mehr Handlungsfähigkeit verleiht und ihr eine einvernehmliche (wenn auch komplizierte) Liebesgeschichte schenkt (im Vergleich mit ihrer Verheiratung mit Perseus, nachdem dieser sie von dem Seeungeheuer rettet).

 

Emanzipation einer mythologischen Figur

Frauen in der griechischen Mythologie haben selten eigene Entscheidungen getroffen und dienten häufig als Preis für den Helden (von demonisierten Frauen abgesehen, z.B. Medusa, Medea, Circe). Großes Buch vermag es, uns die bekannten Geschehnisse in Andromedas Leben verständlich zu machen, uns aber darüber hinaus eine gesamte, fantastische und von Selbstbestimmtheit geprägte Geschichte zu liefern. Darin verfolgen wir die Handlung abwechselnd aus der Perspektive von Andromeda und jener des „Seeungeheuers“ Ketos, vertont von Vanida Karun und Vincent Fallow. Beide Figuren verfolgen ganz eigene Ziele in ihrer Zusammenarbeit, kommen aber eher oder später nicht drum herum, einander zu verfallen. Dies wird ihre jeweiligen Pläne selbstverständlich sehr verkomplizieren und schlussendlich zu einem packenden Cliffhanger führen.

 

Gottgegebene Magie und… Magie der Liebe?

Ein weiteres besonderes Merkmal dieser Interpretation sind die Kräfte, die unsere Protagonist*innen wirken können. Ich habe es sehr genossen, diese Stück für Stück besser zu verstehen und bin gespannt, wie sie auch in der Fortsetzung noch zum Tragen kommen werden. Zudem hat Lara Große ein paar interessante Nebencharaktere geschaffen, die bereits stark in die Beziehung unserer Hauptfiguren und auch die Handlung eingegriffen haben und dies sicher weiterhin tun werden. In gewisserweise wurde die Figur der Andromeda in diesem ersten Band der Dilogie in ihrer Handlungsfreiheit verstärkt und hat die in sich ruhende Kraft gefunden, um nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihre Heimat zu kämpfen. Zwar steht ungemein viel für sie auf dem Spiel, doch für mich war vor allem die Slow Burn und die Enemies-to-Lovers Romance, was mich durch die Seiten getragen hat. Dadurch frage ich mich erneut, in wiefern ein „Retelling“ hier relevant ist, lediglich den Einstieg in die Geschichte erleichtert, oder möglicherweise vor allem dem Marketing gilt.

 

Fazit

Ein mitreißender erster Band der Dilogie, welche Inspiration an der Andromeda-Mythologie nimmt, sich aber schnell von dieser Vorlage löst und stattdessen eine Enemies-to-Lovers-Romance ausspielt und der im Mythos eher passiven Protagonistin neue Charakterzüge, Motivationen und (Willens-)Kräfte schenkt. Ich habe den Auftakt sehr genossen und bin gespannt, wohin uns die Fortsetzung führen wird.

 

 


Die Autorin:

Lara Große, geboren 1996 und zuhause in Münster, wurde als Kind immer gesagt, sie würde »zu viele Bücher fressen«. Aufgewachsen zwischen Geschichten von Christopher Paolini, Trudi Canavan und Naomi Novik, hat sie mit elf Jahren Collegeblöcke mit eigenen Storys gefüllt und seitdem nicht mehr mit dem Schreiben aufgehört. Ihr Herz schlägt für phantastische Welten, Magie und Romantik. Q

Die Sprecher*innen:

Vanida Karun ist Schauspielerin, Hörbuchsprecherin und Dialogregisseurin. Sie stand viele Jahre für Film, Fernsehen und Bühne vor der Kamera und ist seit 2013 Ensemblemitglied der Bühne für Menschenrechte. Als Coach und Ausbilderin für Stimme und Ausdruck begleitet sie unter anderem erfolgreiche Sprecher*innen und Autor*innen auf ihrem Weg. Ihre Stimme besticht durch emotionale Tiefe, Vielschichtigkeit und feines Gespür für Textnuancen. In über 250 Hörbüchern verschiedenster Genres ist sie zu hören – darunter internationale Bestseller wie »Alchemised«. Q

Vincent Fallow wurde 1989 in Hamburg geboren. 2018 startete er seine Sprecherkarriere mit Videospielvertonungen und seit 2019 arbeitet er auch als Synchron- und Hörbuchsprecher und las bereits Romane von z. B. Philippa L. Andersson oder Janne Mommsen. Q

 

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