[Rezension] Dazwischen: Wir von Julya Rabinowich *Rezensionsexemplar*

Madina hat den Krieg und seine Schrecken, die gefährliche Flucht hinter sich gelassen. Endlich hat sie das Gefühl, angekommen zu sein, wohnt mit ihrer Familie bei ihrer besten Freundin Laura, trägt keine schlecht sitzenden Kleider aus der Spendenkiste mehr und gehört in der Schule ganz selbstverständlich dazu. Aber dann kippt die Stimmung. Rassistische Schmierereien tauchen auf, und jeden Donnerstag skandiert eine Gruppe auf dem Hauptplatz: „Ausländer raus!“, erst wenige, dann immer mehr. Eine Zerreißprobe, nicht nur für Madina, sondern für alle, die in dem Ort leben. Doch Madina beschließt, nicht wegzuschauen – und sie findet Verbündete. Ein flammender Appell gegen Ausgrenzung und die Spaltung der Gesellschaft!

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Was ich zu sagen habe…

Dieses ist nicht das erste Buch aus dem Hanser Verlagshaus, welches ich lese, jedoch das Erste, was mir ungefragt zugesendet wurde. Dementsprechend wenig wusste ich von dem Inhalt, als ich es in Händen hielt. Deswegen ließ ich mich aber nicht abschrecken, sondern einfach direkt in die Geschichte von Madina fallen. Ohne Vorkenntnisse über den ersten Band fiel mir das erstaunlich leicht. Die Autorin vermochte es in wenigen Kapiteln, mir das Leben unserer Protagonistin einprägsam und authentisch nahe zu bringen. Dies liegt vor allem an ihrem jugendlichen, tagebuchartigen Schreibstil, der Madinas Identität wundervoll einzufangen vermag. Schon bald freute ich mich mit ihr über Kleinigkeiten und bemerkte zugleich die großen Ungerechtigkeiten unserer Gesellschaft.

 

Irgendwann fühlt sich alles wieder halbwegs normal an. Das heißt, so normal, wie es sein kann, wenn man bei der besten Freundin wohnt, die Mutter depressiv ist und der Vater verschollen. Und die Flucht nicht so lange her. – S.29

 

Menschen mit den verschiedensten Gemütern begegnen Madina in diesem Roman. An ihrer Seite steht ihre beste Freundin Laura, die den traurigsten Momenten noch etwas Gutes abgewinnen kann. Sie erhellt das Leben unserer Protagonistin selbst dann, wenn ihre Familie zu zerbrechen scheint. Auch ihr Freund Markus bringt hin und wieder ein Freudestrahlen auf ihre Züge. Erfrischend fand ich jedoch, dass die Romanze keineswegs im Zentrum der Geschichte steht. Viel eher spüren wir immer wieder, wie all das Geschehene und Erlebte den Fokus auf andere Dinge lenken, als ihn andere Jugendliche setzen würden. Dennoch ist Madina auch nur eine junge Frau, die sich wünscht, unter Gleichaltrigen angenommen zu werden und ein einigermaßen normales Leben führen zu können.

„Nein, Rami. Wir sind keine Asylanten.“
„Was sind wir dann?“
„Wir sind Menschen, Rami.“
– S. 165

 

Trotz ihrer zerrüttelten und traumatisierten Vergangenheit kämpft sich Madinas Familie Stück für Stück auf inspirierende Weise durch. Der Kontakt zu ihrem Vater und ihrer Familie in ihrer Heimat ist vollkommen abgerissen, doch die Hoffnung geben sie dennoch nicht auf. Unsere Protagonistin findet sich häufig im Zwiespalt zwischen dem Hier und Jetzt und dem Leben wieder, das ihr eigentlich vorherbestimmt schien. Sie vermisst ihren Vater furchtbar und berührt mit ihren Träumen und Sehnsüchten die Lesenden, doch zugleich ist ihr schmerzlich bewusst, dass ihr Leben mit ihm bedeutend eingeschränkter wäre. Das Sehnen nach der Heimat, aber auch danach, das alte Leben hinter sich zu lassen und sich vollends integrieren zu dürfen, reißen an unserer jungen Protagonistin. Von mehreren Seiten verspürt sie Druck, was sie jedoch noch stärker und standhafter erscheinen lässt. Ihre Vorbildfunktion für junge Leser:innen ist unbestreitbar.

 

Es ist, wie es immer ist, wenn Menschen aufhören, die anderen als Menschen zu betrachten. – S. 233

 

Nicht nur auf familiärer, privater Ebene hat unsere Protagonistin zu kämpfen. Obwohl sie sich ungemein anstrengt und in der Schule sowie im Alltag alle möglichen Herausforderungen meistert, wird ihr das Leben dennoch schwer gemacht. Stimmen werden laut, die ihrer Herkunft mehr Wert beimessen als ihrer Person. Und diese Stimmen erhalten immer mehr Gesichter. Madinas Erlebnisse sind schockierend, aber authentisch, ergreifend und leider viel zu realistisch. Xenophobie und Fremdenhass wird in diesem Buch etwas abgemildert, doch noch immer extrem bedrohlich dargestellt. Für Jugendliche und Kinder zeigt es somit die Schattenseiten unserer Gesellschaft auf, ebenso wie die Hoffnung, die uns einzelne Personen und ihr Engagement schenken können. Trotz der ernsten und bedrückenden Thematik endet das Buch nicht auf einem traurigen, sondern einem hoffnungsstiftenden Ton. Die Probleme sind nicht verschwunden, doch der Fokus wird von ihnen abgewandt, um dem Fortschritt und Madinas Selbstbestimmtheit Raum zu schaffen.

 

Fazit

Madinas Geschichte spiegelt vielerlei allgemein bedeutsame Themen wie Traumata, Verlust, Fremdenhass, aber auch Familie, Selbstbestimmung und Freundschaft wider. Sie bewegt und nimmt von Anfang an gefangen, schockiert, vermag aber von Zeit zu Zeit auch unsere Stimmung aufzuhellen. Ein wundervolles Jugendbuch mit ernsthafter Thematik und einer starken, inspirierenden Protagonistin.

 

 


Die Autorin:

Julya Rabinowich, geboren 1970 in St. Petersburg, lebt seit 1977 in Wien, wo sie auch studierte. Sie ist als Schriftstellerin, Kolumnistin und Malerin tätig sowie als Dolmetscherin. Bei Deuticke erschienen Spaltkopf (2008, u. a. ausgezeichnet mit dem Rauriser Literaturpreis 2009), Herznovelle (2011, nominiert für den Prix du Livre Européen), Die Erdfresserin (2012) und Krötenliebe (2016). Mit Dazwischen: Ich veröffentlichte sie bei Hanser 2016 ihr erstes Jugendbuch. Es wurde u. a. mit dem Friedrich-Gerstäcker-Preis, dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis und dem Luchs (Die Zeit & Radio Bremen) ausgezeichnet sowie unter die Besten 7 Bücher für junge Leser (Deutschlandfunk) gewählt. 2019 erschien ihr Jugendbuch Hinter Glas, 2022 folgte Dazwischen: Wir. Q

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