[Rezension] Was ist schon normal?: Warum alle Menschen gleich und doch verschieden sind von Wolfgang Korn

Sollten wir jedem Menschen, den wir persönlich begrüßen wollen, die Hand schütteln und ihm dabei in die Augen schauen? Ein »Muss« ist dies nur bei uns in Europa und in Nordamerika. Woanders können wir uns mit dieser Geste schnell Probleme einfangen. Und wie schaffen es die Japaner, dreihundertmal im Jahr etwas zu verschenken, während wir schon mit Geburtstagen und Weihnachten überfordert sind? Trotz Multikulti-Metropolen, Globalisierung und Internet leben die Menschen weiterhin in unterschiedlichen Kulturen, die alle ihre eigenen Regeln haben. Für die Menschheit ist diese kulturelle Vielfalt jedoch auch eine Art Schatztruhe, die uns zeigt, wie viele Möglichkeiten es gibt. Wolfgang Korn nimmt uns mit auf einen Gang durch die verschiedenen Kulturen, er gibt Einblicke in die ethnologische Forschung, und wir sehen: Es ist ganz normal, anders zu sein.

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Was ich zu sagen habe…

Das Buch selbst hat eine wunderbare Prämisse, viele interessante und informative, zudem originelle Themen und einen Stil, der nicht ganz so herablassend anmutet, wie ich zuerst befürchtet hatte. Bereits im Vorwort wird klar, dass es hier nicht um das „Anderssein“ sondern eher darum geht, individuell zu sein. Im Gegensatz zu meinen Erwartungen kommt nicht hindurch, dass andere Kulturen bestimmte Dinge oder Tätigkeiten schlechter oder einfach nur seltsam angehen, sondern in vielen Bereichen sogar uns Europäern voraus sind.

 

Gute Idee, schlecht alternde Umsetzung

 

Woran es jedoch in der Umsetzung scheitert, sind viele Kleinigkeiten, die aber auf größere Probleme schließen lassen. Bereits die Kapitelüberschriften erwecken ein recht eurozentrisches und auch androzentrisches Bild des Buches. Darauf begründeten sich vermutlich auch meine anfänglichen Zweifel, dass dieses Buch auch nur irgendwie dem gerecht werden könnte, was es tun will: von verschiedenen Kulturen und ihrem unterschiedlichen Umgang mit Themen, Ereignissen und Notwendigkeiten zu erzählen. Doch die Kapitel in sich und die diskutierten Bereiche des alltäglichen und auch nicht ganz so alltäglichen Lebens konnten mich durchaus überraschen, interessieren und einiges lehren. An vielen Stellen bin ich sogar noch immer etwas ungläubig, sodass ich gerne mehr Quellen und Bezugspunkte, bzw. auch Statistiken oder dergleichen hätte – selbstverständlich der Zielgruppe angemessen.

Der Zielgruppe angemessen scheint auch das genutzte Vokabular, welches das Buch jedoch im heutigen Licht manchmal sehr schlecht dastehen lässt. Von Buschmenschen und Indianern sollte heutzutage einfach nicht mehr gesprochen werden, ebenso wenig von Eskimos. Zudem fehlte mir sehr häufig die Perspektive der Frauen auf bestimmte Ereignisse, während der Autor die Umstände für Männer erläutert. Das zeigt sich schlussendlich auch in der angeführten Literatur, bzw. mit den zitierten Wissenschaftlern. Hier verzichte ich bewusst auf das Gendern, denn nur eine einzige Frau wird zitiert und schlussendlich mit ihren Irrtümern bloßgestellt. Dahingegen scheint der Autor einen Forscher, der sich verkleidet, um sich über religiöse Verbote hinweg zu setzen, für seinen Einsatz zu loben statt zu schelten.

 

Der Text hält sich wacker, doch die Illustrationen erregen Anstoß

 

Zu guter Letzt sollen auch die Illustrationen nicht unkommentiert bleiben. Was vor zehn Jahren vielleicht noch lustig war, lässt mich heute empört schnauben. Die Menschen auf den Bildern sind verständlicherweise stereotypisiert, noch dazu aber in sehr schockierender und abwertender Weise dargestellt. Natürlich lockt es das Auge an, Ureinwohner mit Messern und Gabeln um einen aufgebahrten Menschen stehen zu sehen, doch neben der bloßen historischen Vermutung hinter dieser Darstellung geht auch der Witz zu weit. Viele der Illustrationen, wenn der Text auch besser abschneidet, sind von einem extremen und empörenden Eurozentrismus geprägt.

 

Fazit

Ein Buch, welches die verschiedensten Kulturen aufführen und in ihrer Individualität und Brillanz präsentieren will, jedoch teilweise scheitert. Trotz zahlreicher interessanter und lehrreicher Themen, altert das Buch nicht gut und lässt die Lesenden angesichts der Illustrationen und einiger Anstoß erregender Bezeichnungen nur den Kopf schütteln.

 

 


Der Autor:

Wolfgang Korn, geboren 1958, schreibt als Autor und Wissenschaftsjournalist über historische und gesellschaftliche Themen. Für „Das Rätsel der Varusschlacht“ wurde ihm zusammen mit dem Illustrator Klaus Ensikat 2009 der Deutsche Jugendliteraturpreis verliehen. Bekannt wurde er mit seiner kleinen Geschichte über die große Globalisierung: Die Weltreise einer Fleeceweste (Hanser 2016). 2018 erschien seine Biografie Karl Marx – Ein radikaler Denker bei Hanser, 2019 folgte das Jugendbuch Lauf um dein Leben! Die Weltreise der Sneakers, mit dem er für den Deutsch-Französischen Jugendliteraturpreis 2020 nominiert ist. Q

 

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