[Rezensionsexemplar] Deadly Ever After – Blut und Schnee von T.S. Orgel

In einer Welt, in der alle Märchenfiguren versammelt sind, geht das Leben nach dem „… und wenn sie nicht gestorben sind“ weiter. Schneewittchen hat als weiße Kaiserin die Macht an sich gerissen und überzieht das Land mit Krieg, um allen die Magie zu rauben. Allein Streich, der tapfere Schneider, und seine Rebellen stellen sich ihr entgegen. Doch sie scheitern – und nur sein Neffe, völlig magielos, überlebt. Jetzt muss er Verbündete suchen, um seinen Onkel zu rächen und die grausame Herrschaft Schneewittchens zu beenden.

Quelle, Leseprobe

 

Neues von T.S. Orgel

Mit den Gebrüdern Orgel (niemals war diese Bezeichnung passender als nun mir ihrer Märchen-Neuerzählung) habe ich bereits seit 2016 einige fiktive Abenteuer erlebt. Ich lernte sie auf der Leipziger Buchmesse kennen und habe seitdem jedes ihrer erschienenen Bücher möglichst schnell gelesen. Begonnen hat damals alles mit den Blausteinkriegen, eine packende High Fantasy-Trilogie, welche mit Das Erbe von Berun beginnt. Danach hat das Autorenduo sich mehr auf Einzelbände konzentriert, diese aber nicht minder komplex in ihren Charakteren und Handlungen gestaltet. Das Haus der tausend Welten überzeugte mit einigen Horror-Elementen, die mich das Buch nicht aus den Händen legen lassen wollten. Dank ihres packenden und humorvollen Schreibstils folgte ich Tom und Stephan auch in andere Genre, die ich anderenfalls eher nicht zur Hand nehme: Terra und Behemoth nehmen uns mit ins Weltall und nutzen die Weite und Abgeschiedenheit unserer Protagonist*innen für den Spannungsaufbau. Mit Der Skandal veröffentlichten sie zuletzt sogar einen Biothriller, den ich durchaus genossen habe. Mein bis heute noch immer liebstes ihrer Werke ist jedoch Die Schattensammlerin, welche eine fiktive Wiedererzählung rund um Goethes Leben und Werke ist, die mich ungemein gefangen genommen und unterhalten hat.

 

Eine weitere epische Neuerzählung

Mit Deadly Ever After erhalten wir eine weitere Neuerzählung, dieses Mal basierend auf vor allem deutschen Märchen der Gebrüder Grimm und anderen Sammlern von Volksgeschichten. Dank dieser Einladung war ich ungemein gespannt auf diese Neuerscheinung, von der ich mir erhoffte, dass sie mich ebenso mitreißen würde wie Die Schattensammlerin. Diese Neuerscheinung bringt jedoch noch einmal ganz neue Talente der Brüder zum Vorschein. Episch kann sich hier direkt auf den Schreibstil beziehen, der uns die Geschehnisse wie in einem Film vor unser inneres Auge führt. Hin und wieder war ich von den Umbrüchen in der Handlung und dem Schauplatz irritiert, die einmal auch die Wahrnehmung der Charaktere widerspiegelt. Alles in allem waren diese Einschnitte ungewohnt, aber nicht weniger packend und ließen das Buch sich wirklich wie ein Blockbuster anfühlen.

 

Die Hulda sah sie nacheinander an,bevor ein feines Lächeln auf ihrem Gesicht Einzug hielt. Sie bedeutete Greta, ihre Tasse aufzufüllen, und nickte. „Vielleicht ist es genau das, was die Welt braucht.“
„Was – einen Tritt?“
„Nein. Leute, die keine Helden sind. Die Kaiserin erwartet Helden. Über Helden gibt es Prophezeiungen. Es gibt Zeichen, und sie hat alle Mittel, um diese Zeichen zu deuten. Möglicherweise habe ich falschgelegen. Mit Helden wird sie fertig. Was sie nicht erwartet, sind…“, sie überlegte einen Moment entschied sich dann für „… Leute wie ihr. Unbedeutende Leute ohne Spuren in der Zeit. Vielleicht gelingt euch deshalb, was allen Helden verwehrt war, und ihr könnt bis zu ihr vordringen.“

 

Bekannte Figuren – neu erzählt

Die Orgel Brüder nutzen ganz bewusst das Vorwissen ihrer Leser*innen, um mit Erwartungen zu brechen–und ich war absolut begeistert und fasziniert. Die magischen Figuren als auch die anscheinend wenig begabten Charaktere sind alle auf die eine oder andere Weise mit uns bekannten Geschichten verknüpft. Zu unserer Überraschung haben sie die uns bekannten Märchen und deren Geschehnisse jedoch teils sehr anders wahrgenommen. Auch verknüpfen die Autoren dieses Buches einige Märchen und Geschichten, die wir nicht in demselben Universum, derselben Märchenwelt, vermutet hätten. Dadurch entstehen unterhaltsame Beziehungen. Zugegebenermaßen können die unternommenen Veränderungen zum uns bekannten Material den Leser*innen besser oder schlechter gefallen und kreative Freiheit könnte durchaus als unlogisch empfunden werden. Jedoch empfand ich die Veränderungen zumeist als wundervoll erfrischend und überraschend. Bis zuletzt werden die Hintergrundgeschichten und Motive verschiedener Charaktere enthüllt und sind teils aufschlussreich, teils schockierend, teils werfen sie all unsere Vermutungen über die Handlung und den Ausgang dieses Abenteuers durcheinander. Zwar haben wir unseren Kern an Charakteren, denen wir die Daumen drücken und für die wir uns ein Happy End erhoffen, doch selbst (vielleicht auch gerade) diese werden uns überraschen.

 

Fazit

Eine packende Wiedererzählung bekannter Volksmärchen, die wiederholt gekonnt mit unseren Erwartungen spielt und damit ein fesselndes Abenteuer unserer diversen und doch zusammenarbeitenden Protagonist*innen erzählt. Diese Neuerscheinung der Brüder Orgel schafft es nicht auf den ersten Platz ihrer Bücher in meinem Herzen, hat mich aber definitiv nicht enttäuscht und hingegen vor allem in der zweiten Hälfte gepackt und mitgerissen. Deutet der Prolog zudem auf eine Fortsetzung hin?

 

 


Die Autoren:

Hinter dem Pseudonym T. S. Orgel stehen die beiden Brüder Tom und Stephan Orgel. In einem anderen Leben sind sie als Grafikdesigner und Werbetexter beziehungsweise Verlagskaufmann beschäftigt, doch wenn beide zur Feder greifen, geht es in fantastische Welten. Ihr erster gemeinsamer Roman »Orks vs. Zwerge« wurde mit dem Deutschen Phantastik Preis für das beste deutschsprachige Debüt ausgezeichnet. Seitdem haben sie mit »Die Blausteinkriege«, »Terra« und »Die Schattensammlerin« noch viele weitere Welten erkundet. Q

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